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Montag, 27.04.2020 19:10 - Alter: 69 Tage

Corona und die Wissenschaft: Zahlen in Zeiten von Corona. Warum die Medien dringend besser im Umgang mit den Fallzahlen werden müssen

Prof. Dr. Christoph Klimmt & Prof. Dr. Helmut Scherer haben sich mit der Berichterstattung der Medien in Zeiten von Corona beschäftigt. In ihrem Beitrag erklären sie, warum der aktuelle Umgang der Medien mit Fallzahlen des Corona-Virus problematisch ist und welche Alternativen sie für die Handhabung des Themas vorschlagen.

Zahlen in Zeiten von Corona. Warum die Medien dringend besser im Umgang mit den Fallzahlen werden müssen

Das Corona-Virus beeinflusst unser Alltagsleben und stärkt die Bedeutung der Nachrichtenmedien. Wir sollen zuhause bleiben, um das Virus in seiner Verbreitung zu verlangsamen. In dieser Situation sind wir in besonderer Weise auf die Medien angewiesen, die für uns noch mehr als sonst zum Fenster in die Welt werden. Natürlich wollen wir in dieser Situation wissen, wie es weitergeht mit der Pandemie. Die Medien reagieren auf diese Publikumsbedürfnisse, der Fokus in den Printmedien und auf den Nachrichtenseiten liegt ganz klar auf Corona, bei den TV-Sendern gibt es häufige Sondersendungen. Dabei sehen, hören und lesen wir Zahlen, immer wieder Zahlen, aufbereitet in Texten, Tabellen und Schaubildern. Zahlen suggerieren Verlässlichkeit und Präzision. Aber leider belegt diese Zahlenorgie auch allzu häufig die Unfähigkeit der Medien, mit Zahlen richtig umzugehen.

„Das Corona-Virus breitet sich immer weiter aus – nun Soundsovieltausend Infizierte im Land“. So und so ähnlich lesen sich seit Wochen zahlreiche Meldungen nicht nur in den deutschen Nachrichtenmedien. Sie alle berufen sich auf die Zahlen positiv auf SARS-COV-2 getesteter Menschen, die in Deutschland das Robert-Koch-Institut (RKI) auf der Basis entsprechender Meldungen der Gesundheitsbehörden der Länder ausweist. Auch wenn in vielen Berichten darauf hingewiesen wird, dass es eine Dunkelziffer gebe und die „tatsächliche“ Anzahl der Infizierten unbekannt sei – die Medien setzen immer wieder „Infizierte“ und „positiv Getestete“ gleich, zumindest im Sprachgebrauch ihrer Überschriften und in den scheinbar stündlich aktualisierten Diagrammen zu den Zahlen aus verschiedenen Ländern. Das Bild der Pandemie-Entwicklung, das die Medien zeichnen (und vor ihnen die WHO und Länderinstitutionen wie das RKI), beruht im Wesentlichen auf dem Anwachsen dieser Fallzahlen, flankiert noch von den auf Corona zurückgeführten Todesfällen.

Diese sprachliche Darstellungsweise ist, zumal sie systematisch und immer wieder erfolgt, aus mehreren Gründen problematisch. Zunächst einmal ist sie wie schon angesprochen sachlich schlicht falsch. Niemand weiß, wie viele Menschen in Deutschland oder irgendeinem anderen Land tatsächlich das Virus in sich tragen. Außerdem hängt die erfasste Zahl von der Zahl der Tests ab. Je mehr getestet wird, umso mehr Fälle wird man in aller Regel bekommen. Um das korrekte Bild zu ermitteln, wäre es nötig, bevölkerungsrepräsentative Stichproben zu testen, idealerweise täglich, um die Ausbreitung des Virus engmaschig zu beobachten. Doch diese wissenschaftlich-forschende Herangehensweise sehen die Routinen der Behörden zum Infektionsschutz offenkundig nicht vor. Getestet werden vielmehr Menschen, die Beschwerden aufweisen oder eine Ansteckung vermuten. Die dieser Praxis zugrundeliegende Idee lautet, dass Menschen, die mit einer Krankheit infiziert sind, Symptome entwickeln. Testet man im weitesten Sinne Erkrankte (also Menschen mit Beschwerden), erhält man ein vollständiges und valides Lagebild. Genau diese Idee setzen die Gesundheitsämter um. Aber längst nicht alle mit SARS-COV-2 infizierten Personen entwickeln Symptome, und viele scheinen nur geringfügige Beschwerden zu erleiden, mit denen sie sich gar nicht erst zu einem Test begeben. Daher ergibt sich aus der derzeitigen Testpraxis keine Möglichkeit, die tatsächliche Anzahl der Infizierten in einem Land zu ermitteln. Vielmehr untersuchen die Gesundheitsämter eine - im Vokabular der Sozialforschung – „anfallende“ Stichprobe, nämlich jene Gruppe von Personen, die sich gerne testen lassen möchten oder massive Beschwerden berichten. Von diesen Daten ist es jedoch unmöglich, auf die Gesamtbevölkerung zu verallgemeinern. Das ist für die Pandemie-Bekämpfung ein zentrales Problem. Dass die Medien immer wieder „infizierte Personen“ mit „positiv getesteten Personen“ gleichsetzen, vergrößert dieses Problem insofern, als sie damit eben dieses falsche Verständnis vom Sachstand der Bevölkerung suggerieren. Mit derzeit gut 150.000 „Infizierten“ bei 83 Millionen Bundesbürgern klingt die Lage doch vergleichsweise entspannt. Das Nachrichtenpublikum wird, so viel können wir aus den Erkenntnissen der Kommunikationswissenschaft als gesichert betrachten, den genannten und vermeintlich genauen Zahlen viel Beachtung schenken, dagegen mit den abstrakten Hinweisen auf „Dunkelziffern“ nicht viel anfangen können.

Ein zweites Problem mit diesem Muster der Berichterstattung ergibt sich aus dem in vielen Medienbeiträgen auftauchenden Ländervergleich. Wachstumskurven mit den „Infizierten“ in verschiedenen Ländern werden nebeneinandergelegt, vergleichende Analysen angestellt, wie weit ein Land einem anderen in den „Infektionszahlen“ voraus sei. Auch hier wird eine Genauigkeit suggeriert, indem exakte Zahlen genannt, verglichen, analysiert werden – ohne zu bedenken, dass diese Zahlen je für sich fragwürdig sind (siehe oben) und zudem in jedem Land unterschiedliche Teststrategien und Testanzahlen realisiert werden. Jedes Preisschild im Supermarkt enthält die Angabe, was eine Referenzmenge (zum Beispiel ein Kilogramm) der Ware kostet, damit man die Preise für unterschiedliche Produkte vergleichen kann. Bei Corona-Statistiken zeigen die Medien solche Referenzgrößen nicht – meistenteils, weil auch die WHO und andere Institutionen sie schlicht nicht anbieten. Wir wissen noch nicht einmal genau, wie viele Tests in welchem Land in welchem Zeitraum durchgeführt wurden und werden. Die Medien zeichnen verschiedene Länderkurven in ein Diagramm, obwohl das Zustandekommen der Datenpunkte unklar, mitnichten systematisch vergleichbar ist.

Nicht nur bei der Frage des Zustandekommens der vorhandenen Zahlen zeigen sich handwerkliche Mängel in der Corona-Berichterstattung, sondern auch mit Blick auf die Mathematik der Virus-Ausbreitung. Ein zentrales Merkmal der Berichterstattung ist der Fokus auf die Steigerung der Fallzahlen, sowohl bei den positiv getesteten Personen als auch bei den Todesfällen. So hören wir jeden Tag von neuen Höchstständen und steigenden Zuwachszahlen. Das Aneinanderreihen solcher Fallzahlen ist jedoch der exponentiellen Dynamik einer Epidemie nicht angemessen. Die Journalistinnen und Journalisten verwenden für die Darstellung des exponentiellen Verlaufs allzu oft lineare Vergleichsmaßstäbe und Techniken der Vermittlung von Linearität. Es ist jedoch das Wesen eines exponentiell-dynamischen Prozesses, dass sich sein Wachstum beschleunigt. Wenn es mehr Infizierte gibt, steigt auch die Zahl der Neuinfektionen. Auch wenn wir erste Erfolge in der Eindämmung erzielen, wird die absolute Zahl der Infizierten noch steigen. Das Ziel der „social distancing“ genannten Schutzmaßnahmen besteht darin, dass sich das Wachstum nicht weiter beschleunigt, die Beschleunigung (nicht die absolute Fallzahl) also abnimmt, bis sie gegen Null tendiert und dann negativ wird – dann erst ist es gelungen, die Ausbreitung des Virus tatsächlich zu bremsen. Vielfach vermittelt die mediale Darstellung der vom RKI veröffentlichen Fallzahlen jedoch diese Exponentialität in der Epidemie und der Logik ihrer Eindämmung nur unzureichend. Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, dies mit Zahlen anschaulich zu machen. So ist etwa die Verdopplungszeit der positiv getesteten Fallzahl, die in manchen Medien angegeben wird, ein anschaulicher Maßstab, um die Entwicklung der Beschleunigung zu beschreiben. Steigt die Verdopplungszeit, dann schwächt sich die Beschleunigung ab. Die absolute Zahl der Neuinfektionen wird dann gleichwohl noch eine gewisse Zeit weiterwachsen, aber das Wachstum wird sich abschwächen.

Journalistinnen und Journalisten sehen es als ihre Aufgabe, die Pandemie-Entwicklung ihrem Publikum verständlich und aktuell zu vermitteln. Die (steigenden) Fallzahlen, die das RKI meldet, veranschaulichen das Narrativ von der Verbreitung des Virus und passen daher auf den ersten Blick sehr gut zu dem, was Journalistinnen und Journalisten leisten wollen und müssen. Aber sie bieten eine trügerische Genauigkeit und bergen die Gefahr, dass andere Aspekte der Pandemie, für die wir keine so präzise anmutenden Zahlen haben, zu wenig Beachtung erfahren, etwa die (regional sehr unterschiedliche) Belastung der Krankenhäuser mit Beatmungsplätzen; die dramatische Tödlichkeit, die das Virus in Alten- und Pflegeheimen kennzeichnet oder die Langwierigkeit der Behandlung jedes einzelnen schwer an Covid-19 Erkrankten, die Beatmungsgeräte und medizinisches Personal extrem lange bindet. Die Zahl der positiv getesteten Personen zu berichten, ist gewiss richtig und wichtig. Aber die Fokussierung auf ihre vermeintliche Genauigkeit, ihre Nutzung als angeblich belastbarer Indikator für das Infektionsgeschehen und für Länder- und Zeitvergleiche sind schwerwiegende handwerkliche Fehler der Medienmacher mit einem starken Potenzial, das Publikum – mithin auch politische Entscheidungsträger – zu falschen Vorstellungen von unserer Pandemie-Wirklichkeit zu verleiten.

Was wären also sinnvolle Alternativen? Zunächst einmal sollten sich Journalistinnen und Journalisten die Mühe machen, ihre bereits zur Schreibroutine gewordene Formulierung „Infizierte“ für die RKI-Meldungen positiv getesteter Personen aufzubrechen. Jeder Nachrichtenbeitrag sollte einen Satz zur Einordnung und zum begrenzten Informationsgehalt der Meldezahlen aufweisen. Auch die Variante „bestätigte Infizierte“ wäre in diesem Sinne noch nicht zielführend. Wünschenswert wären natürlich weiterführende Informationen von RKI und WHO, die helfen würden, die Meldezahlen einzuordnen; so etwa die Anzahl durchgeführter Tests, die Anzahl von Personen, die mit Atemwegs-Beschwerden krankgeschrieben wurden oder auch die Anzahl von Beatmungspatientinnen und -patienten in den Krankenhäusern. Einige diese Informationen könnten die Nachrichtenmedien zumal im regionalen Raum selbst erfassen und dokumentieren. Entscheidend scheint uns aber zu sein, dass die journalistische Darstellung des Infektionsgeschehens sehr viel stärker als bisher betont, dass hinter den konkret und präzise anmutenden (aber eben trügerischen) bestätigten Fallzahlen in jedem Land, in jeder Stadt, in jedem Dorf weitere Personen stehen, die unerkannt mit SARS-COV-2 infiziert sind, und dass die Maßnahmen zum „Lockdown“ und „social distancing“ insbesondere diesen (vielen) Menschen gelten.


Zuletzt bearbeitet: 29.11.2016

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