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Montag, 03.08.2020 12:50 - Alter: 57 Tage

DFG-Forschungsprojekt am IJK gestartet

Am 1. August 2020 ist das Projekt „Schweigespirale vernetzt: Der Prozess öffentlicher Meinungsbildung aus der Meso-Perspektive“ am IJK gestartet. Das Projekt wurde gemeinsam von Prof. Dr. Helmut Scherer und Prof. Dr. Christiane Eilders (Heinrich Heine Universität Düsseldorf) bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworben. Ziel des Projekts ist es, das soziale Umfeld als relevante Einflussgröße im Prozess öffentlicher Meinungsbildung theoretisch in die Theorie der Schweigespirale zu integrieren und empirisch zu untersuchen. Die empirische Studie umfasst eine dreiwellige Panelstudie mit integrierter Tagebuchstudie, durch die alle Quellen der Umweltbeobachtung als Netzwerk modelliert werden können. Die Laufzeit des Projekts beträgt drei Jahre und wird am IJK von Prof. Dr. Helmut Scherer und Jule Scheper umgesetzt.

Die Theorie der Schweigespirale aus Perspektive der Mesoebene

Die Theorie der Schweigespirale (Noelle-Neumann, 1974) setzt sich mit der Frage auseinander, unter welchen Bedingungen sich Mitglieder einer Gesellschaft am öffentlichen politischen Diskurs beteiligen und damit zur Bildung der öffentlichen Meinung beitragen. Sie zählt zu den wichtigsten, aber auch zu den besonders kontrovers diskutierten Theorien der politischen Kommunikation. Die zentrale Annahme der Theorie lautet, dass Individuen ihre Redebereitschaft davon abhängig machen, wie sie die gesellschaftliche Meinungsverteilung dazu einschätzen; Personen, die sich mit ihrer Meinung in der Mehrheit wähnen, sind auch eher bereit, diese zu äußern. Als Quellen dieser Meinungsklimawahrnehmung dienen die Medien sowie das persönliche Umfeld, dem Noelle-Neumann aber deutlich weniger Bedeutung zuspricht.

Die Stärke der Schweigespirale liegt in der dynamischen Verbindung von Individual- und Gesellschaftsperspektive. Gesellschaftliche Bedingungen auf der Makroebene haben individuelle Konsequenzen auf der Mikroebene, individuelle Reaktionen führen wiederum zu veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Diese Beschreibung macht jedoch eine wesentliche Schwäche der Theorie deutlich: in der Dynamik öffentlicher Meinungsbildung fehlt der detaillierte Einbezug einer Mesoebene. Obwohl die Theorie der Schweigespirale ganz konkret auf Erkenntnissen aus der Kleingruppenforschung aufsetzt, konzentriert sich Noelle-Neumann ausschließlich auf die anonyme Öffentlichkeit, also den Bereich, in dem man von Fremden gesehen und bewertet wird. Das Netz aus Sozialbeziehungen, in die Individuen täglich eingebettet sind, spielt bei ihr keine Rolle. Unserer Meinung nach kann der soziale Nahbereich aber zwei Funktionen erfüllen. Er ist Quelle der Umweltbeobachtung, der sich auf die Wahrnehmung des Meinungsklimas im sozialen Nahbereich, möglicherweise aber auch in der Gesellschaft, auswirkt. Außerdem funktioniert er wie die Gesellschaft als Instanz der sozialen Kontrolle (Matthes et al., 2018). Dies wird im Besonderen dann relevant, wenn der soziale Nahbereich im Widerspruch zur Gesellschaft steht.

Hier setzt das DFG-Projekt an: Es integriert den sozialen Nahbereich als relevante Einflussgröße im Prozess öffentlicher Meinungsbildung theoretisch und empirisch. Inwieweit nutzen Individuen nicht nur die Massenmedien, sondern auch das soziale Umfeld, um ihre Umwelt zu beobachten? Inwiefern fungiert das soziale Umfeld als soziale Kontrollinstanz? Wie verhalten sich Individuen, wenn Gesellschaft und soziales Umfeld unterschiedliche Ansprüche stellen? Und wie werden Meinungsklimawahrnehmung und Redebereitschaft vom sozialen Umfeld beeinflusst? 

Ansprechpartner*innen am IJK:

Prof. Dr. Helmut Scherer

Jule Scheper, M.A.

Zuletzt bearbeitet: 29.11.2016

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