Meldungen

 

Montag, 29.06.2020 13:28 - Alter: 114 Tage

Corona und die Wissenschaft: Fünf Monate Berichterstattung über die „Corona-Toten“ – vom geringen Nachrichtenwert des anonymen Sterbens.

Fünf Monate Berichterstattung über die „Corona-Toten“ – vom geringen Nachrichtenwert des anonymen Sterbens.

In einem aktuellen Beitrag diskutiert Prof. Dr. Christoph Klimmt den Umgang der Medien mit den Todeszahlen während der Corona-Pandemie.

In der Kommunikationswissenschaft hat die Analyse jener Ereignisse, die Medien für relevant und berichtenswert erachten, eine lange Tradition. Wenn Menschen eines nicht-natürlichen Todes sterben, berichten die Medien zumeist, denn Unfälle, Verbrechen und Naturkatastrophen gelten gemeinhin als relevant. Je mehr Menschen bei einem Ereignis zu Tode kommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Medien überhaupt berichten, dass auch Medien aus weiter entfernten Regionen und Ländern berichten und dass ausführlich berichtet wird.

Die WHO meldet am 24. Juni, dass weltweit binnen etwa fünf Monaten 473.797 Menschen an Corona gestorben seien.

Diese vielen Todesereignisse begründen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Ausmaß der Bedrohung, das SARS-Cov-2 für die Menschheit bedeutet. Für die Medien wären sie ein Anlass für intensive, häufige, sachliche und teils auch emotional-betroffene Berichterstattung. „Wären“, denn es drängt sich der Eindruck auf, dass in der Pandemie der Tod von Menschen anders gedeutet wird als bei früheren Ereignissen mit letaler Force Majeure wie etwa Unfällen oder Anschlägen.

Zugespitzt könnte man sagen, dass die Anzahl der Corona-Toten pro Zeiteinheit ein „key performance indicator“ (KPI) in der Berichterstattung ist – ein Maß für die Leistung, die ein Land, ein Gesundheitssystem, eine Regierung in der Bewältigung der Seuche an den Tag legt. (Wie wenig aussagekräftig die Zahlen gerade im Ländervergleich sind, wurde bereits vielfach diskutiert).

Die Reduktion des Sterbens in der Berichterstattung auf solche Performanz-Statistiken erinnert an die Kriegsberichterstattung längst vergangener Jahrzehnte, als täglich hunderte oder auch Tausende von Gefallenen oder zivilen Opfern zu berichten waren. Weder in den Redaktionen noch beim Publikum scheint genug Zeit und Kapazität zu bestehen, sich individuell mit jedem beklagenswerten Todesfall zu beschäftigen, die Biographie und die Ablebensumstände der einzelnen Opfer zu würdigen. Das Projekt der New York Times („Those we have lost“) ist hier eine rühmliche Ausnahme, die die beobachtete Regel bestätigt.

Wie ist dieser reduktionistische, das Einzelschicksal verdrängende Umgang der Medien mit den Corona-Toten zu erklären? Aus Sicht der kommunikationswissenschaftlichen Forschung zum Nachrichtenwert würde man antworten, dass angesichts der vielen und immer neuen Toten das individuelle Versterben an Corona seinen Neuigkeitswert verloren hat. Wenn es Tausende und Abertausende gleicher Ereignisse gibt, warum sollten Journalistinnen und Journalisten dann noch ein einzelnes davon hervorheben? Auch bei früheren Ereignissen mit sehr vielen Toten – man denke an große Terroranschläge oder Naturkatastrophen – kam die Berichterstattung kaum über das Zählen hinaus. Zudem fehlt dem Corona-Sterben das, was man in der Nachrichtenwertforschung die Ereignishaftigkeit nennt. Anders als bei einem plötzlichen Zwischenfall – etwa einem Anschlag – ereignet sich das Sterben durch die Pandemie in einem langgestreckten Zeitraum; es trifft die Menschheit nicht blitzartig, sondern langsam und fließend. Das erschwert es Journalistinnen und Journalisten, in ihrer Fokussierung auf die tages- oder stundenaktuell wichtigsten Begebenheiten einen bestimmten Tod durch Corona in den Blick zu nehmen. Und schließlich beginnt die reduktionistische Darstellung des Sterbens durch SARS-COV-2 schon bei der Produktion der Informationsbasis, die Medien als Grundlage ihrer Berichterstattung nutzen, nämlich bei den Mitteilungen der WHO und des Robert-Koch-Instituts. Dort werden akkumulierte Totenzahlen als Marker für den epidemiologischen Status Quo verwendet, und aus dieser Verwendung heraus wird Journalistinnen und Journalisten die Deutung der Totenzahlen als Maß für die Leistung von Ländern, Gesundheitssystemen und Regierungen nahegelegt. Im Ergebnis sind wir, das Nachrichtenpublikum, mit täglich fortgeschriebenen Sterbensstatistiken konfrontiert, von denen wir uns psychologisch so leicht abwenden können wie von anderen Statistiken auch – sie sind abstrakt, anonym, technisch.

So gut erklärbar die Handhabung der Totenzahlen durch die Medien ist, so problematisch ist sie auch. Denn die auf das Zählen fokussierte oder reduzierte Darstellungsweise legt auch für die Bürgerinnen und Bürger eine bestimmte Urteilsbildung nahe, einen bestimmten Rahmen oder „Frame“. Man könnte ihn so beschreiben: Dass viele Menschen durch SARS-Cov-2 sterben, ist unvermeidlich; ob es nur einige Tausend oder noch viele mehr sind, macht den Unterschied zwischen guter und schlechter Pandemie-Politik.

Es ist diese schulterzuckende, im Aggregat (und nicht in Einzelschicksalen) denkende Haltung gegenüber dem Sterben, die dem in den vergangenen Wochen geführten öffentlichen Diskurs der „Abwägung“ zwischen den Folgen der Pandemie und den Folgen der Pandemiebekämpfung (also der negativen Effekte des Lockdowns) zugrunde liegt; die Anzahl der Corona-Toten wird hier zum Verrechnungsobjekt gegenüber anderen negativen Größen wie etwa Arbeitslosen oder Vereinsamten. Oder sie wird zum Vergleichsobjekt mit anderen Toten-Zahlen, etwa den jährlich im Straßenverkehr getöteten Menschen, wegen denen wir ja auch nicht den Straßenverkehr verbieten würden.

Der statistisch-reduktionistische Rahmen, den die Medien um die Corona-Toten legen, ebnet auch den Weg für autoritäre Hardliner, die sich mit robuster Kriegsherren-Rhetorik mediale Aufmerksamkeit sichern. Die aggressiven Formulierungen eines Boris Palmer sind uns als Beispiel dafür in bleibender Erinnerung. Aber das ist nur eine Extremform, der andere, ebenfalls problematische Normalformen gegenüberstehen: Über all die Menschen, die an Corona gestorben sind, nur als gezähltes Aggregat zu denken, hilft uns allen, die Bedrohung durch das Virus für uns zu verdrängen und unser Genervtsein über die vielen Alltagseinschränkungen zu rechtfertigen. Das Verständnis der Totenzahlen als „KPI“ stützt auch unsere Hoffnung und Erwartung, dass die Pandemie kontrollierbar sei und „gemanaged“ werden kann.

Wie könnte eine angemessenere Berichterstattung über das Sterben durch Corona aussehen? Wir glauben, dass mehr Reflexion über die Bedeutung des individuellen und im Wortsinn persönlichen Sterbens hier eine Vielfalt journalistischer Alternativen hervorbringen kann. Die Würde des Einzelnen, die Würdigung seines Lebens und seiner beklagenswerten Sterbensumstände, die Aspekte des menschlichen Verlusts und der Trauer sollten viel mehr Raum bekommen gegenüber dem Zählen und Vergleichen. Denn das gemeinsame Trauern über die Gestorbenen ist ein wichtiger Akt der Menschlichkeit und unseres in diesen Tagen so viel beschworenen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wie wir öffentlich über die Gestorbenen sprechen, reflektiert diese Tugenden in besonderem Maße.

Zuletzt bearbeitet: 29.11.2016

Zum Seitenanfang