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Montag, 26.04.2021 15:35 - Alter: 14 Tage

How to behave in a pandemic? Eine IJK-Studie zum Umgang der Deutschen mit den neuen Normen zum Social Distancing am Anfang der Pandemie

How to behave in a pandemic? Eine IJK-Studie zum Umgang der Deutschen mit den neuen Normen zum Social Distancing am Anfang der Pandemie

Mittlerweile sind die Maßnahmen zur Reduzierung sozialer Kontakte („Social Distancing-Maßnahmen“) im Alltag der meisten Bürgerinnen und Bürger etabliert – Abstand halten, soziale Kontakte reduzieren und möglichst nur rausgehen, wenn es nötig ist. Auch wenn diese Regeln im Verlauf der Pandemie von Zeit zu Zeit gelockert oder verschärft wurden, blieb die grundsätzliche politische Forderung nach der Einschränkung von sozialen Kontakten seit Beginn der Pandemie bestehen. Im Frühjahr 2020 stellten diese Einschränkungen allerdings noch ein vollkommen neues Verhalten dar. Jede*r Einzelne musste sich auf die neue Lebenssituation einstellen und schauen, wie er oder sie die Regeln im eigenen Alltag berücksichtigt. In gewisser Weise mussten viele Menschen ein vollkommen neues Verhalten erlernen bzw. ihr gewohntes Verhalten anpassen.

Möchte man solche Aneignungsprozesse beziehungsweise die Anpassung von Verhalten besser verstehen, lohnt sich ein Blick auf das Konzept der sozialen Normen. Soziale Normen bezeichnen die Wahrnehmung einer Person, inwiefern ein bestimmtes Verhalten im eigenen sozialen Umfeld – z.B. bei Freunden und der Familie – üblich und akzeptiert ist. Die Beobachtung des Verhaltens von Freunden und Familienmitgliedern, aber auch die wahrgenommene Akzeptanz dieses Verhaltens, helfen dabei, die Angemessenheit des eigenen Verhaltens einzuschätzen und das eigene Handeln unter Umständen anzupassen (z.B. Rimal & Real, 2005). Gerade in Situationen, in denen wenig eigene Erfahrungen vorliegen und große Unsicherheit darüber herrscht, was richtig und angemessen ist – wie in einer beginnenden Pandemie – sind Menschen auf Orientierung angewiesen. Denn trotz der umfassenden Vorschriften blieb es bei der Einschränkung der sozialen Kontakte oft jeder und jedem Einzelnen selbst überlassen, was ein „absolut notwendiges Minimum“ an sozialen Kontakten für sie oder ihn bedeutet.

Doch wie finden Menschen Orientierung in Zeiten einer Pandemie, in der die sozialen Kontakte auf ein „absolut notwendiges Minimum“ reduziert werden sollen? Eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive auf soziale Normen bietet hier Ansatzpunkte: Soziale Normen werden als „communication phenomena” (Rimal & Lapinski, 2015, p. 393) beschrieben; sie werden durch Kommunikation vermittelt, verhandelt und verstanden (Real & Rimal, 2007). Ganz konkret wird davon ausgegangen, dass sowohl die Kommunikation mit und Beobachtung vom sozialen Umfeld als auch die Kommunikation von Massenmedien einen Einfluss auf soziale Normen haben (Geber & Hefner, 2019). Welches Verhalten wir als üblich und akzeptiert im sozialen Umfeld wahrnehmen, wird also von der Kommunikation im sozialen Umfeld und der massenmedialen Kommunikation beeinflusst. Im Kontext der Corona-Pandemie stellt sich daher die Frage, inwiefern die Kommunikation mit und Beobachtung von Personen aus dem sozialen Umfeld auf der einen Seite und die mediale Berichterstattung auf der anderen Seite Orientierung bieten, um einzuschätzen, welches Social-Distancing-Verhalten im sozialen Umfeld akzeptiert und üblich ist. Dabei kommt insbesondere im Verlauf des ersten Lockdowns der medienvermittelten Kommunikation eine besonders wichtige Rolle zu. Zum einen war die direkte Kommunikation mit Peers wie Freunden und Familienmitgliedern durch den Lockdown eingeschränkt, sodass die Beobachtung von Peers, beispielsweise über soziale Medien, hier möglicherweise an Relevanz gewann. Neben der Kommunikation der Massenmedien scheint außerdem die Kommunikation von Expert*innen und Politiker*innen besonders relevant, da die Neuartigkeit und die Ernsthaftigkeit der Situation eine regelrechte Informationsflut mit sich brachte – nicht nur von Seiten der Medien, sondern auch direkt aus der Politik und von verschiedenen Expert*innen, die sich mit Informationen und Meinungen zur Pandemie zu Wort meldeten.

Mit einer Längsschnittstudie haben wir uns im April 2020, also zu Beginn der Pandemie, den Fragen gewidmet, wie Bürgerinnen und Bürger die Akzeptanz und das Verhalten bezüglich der Maßnahmen zur Einschränkung sozialer Kontakte in ihrem sozialen Umfeld wahrgenommen haben. Außerdem gingen wir der Frage nach, inwiefern die Kommunikation mit und Beobachtung von Freunden und Familienmitgliedern sowie die Kommunikation von Massenmedien, Expert*innen und Politiker*innen die Wahrnehmung sozialer Normen beeinflusst haben. Im Verlauf des ersten Lockdowns wurde über vier Wochen hinweg eine Online-Befragung durchgeführt, bei der die Teilnehmenden im wöchentlichen Abstand zu ihren Wahrnehmungen und ihrem Nutzungsverhalten befragt wurden.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten über den gesamten Zeitraum des ersten Lockdowns hinweg insgesamt ein eher regelkonformes Verhalten und auch eine hohe Akzeptanz für dieses Verhalten in ihrem sozialen Umfeld wahrnahmen. Ein genauerer Blick auf die Entwicklungen im Zeitverlauf zeigt aber, dass sich die Wahrnehmungen über die vier Wochen der Befragung hinweg leicht veränderten: die Befragten nahmen eine leicht sinkende Akzeptanz für Social-Distancing und auch etwas mehr Verstöße gegen die Social-Distancing-Maßnahmen im sozialen Umfeld wahr. Darauf aufbauend ist nicht verwunderlich, dass die Medien im weiteren Verlauf der Pandemie immer häufiger über schwindendes Verständnis der Bevölkerung für die getroffenen Maßnahmen berichteten.

Doch wie erfuhren Menschen etwas darüber, welches Maß an Kontaktreduzierung im sozialen Umfeld als akzeptabel und üblich galt? Auch hier liefert unsere Studie Erkenntnisse:

Einfluss der Kommunikation mit und Beobachtung vom sozialen Umfeld

Die direkte Kommunikation mit Freunden und Familie hat überraschenderweise keinen Einfluss auf die wahrgenommenen Normen. Für die Normwahrnehmung war also wenig bedeutend, wie häufig jemand mit Personen aus dem sozialen Umfeld kommunizierte. Es zeigt sich allerdings, dass unabhängig vom genauen Befragungszeitpunkt, eine häufigere Beobachtung von Freunden und Familie (zum Beispiel über soziale Medien) mit einer höheren wahrgenommenen Akzeptanz und Prävalenz von Verstößen zusammenhängt. Möglicherweise wurde Personen erst bei häufiger oder genauer Beobachtung deutlich, dass sich viele Freunde und Familienmitglieder eben doch nicht immer streng an die Regeln hielten – z.B. nicht immer 1,5 Meter Abstand halten – und diese Verstöße auch akzeptiert wurden. Auf den „ersten Blick“, also bei weniger Beobachtung, wurden dagegen möglicherweise weniger Verstöße direkt wahrgenommen. So entstand bei einer oberflächlichen Beobachtung wohl das Bild eines regelkonformen sozialen Umfelds, bei intensiverer Beobachtung geriet dieses Bild aber etwas ins Schwanken.

Einfluss der Kommunikation von Medien, Expert*innen und Politik

Eine stärkere Nutzung von öffentlicher Kommunikation durch Medien, Expert*innen und Politiker*innen hängt mit der Wahrnehmung eines eher regelkonformen Verhaltens und einer hohen Akzeptanz für dieses Verhalten im sozialen Umfeld zusammen. Mit Blick auf die Entwicklung im Verlauf des Lockdowns zeigen sich aber zwei spezifische Einflüsse. Befragte, die sich zu Beginn der Pandemie häufiger als zu anderen Zeitpunkten der Befragung mit Informationen von Expert*Innen auseinandergesetzt haben, nahmen eine höhere Prävalenz von und Akzeptanz für Verstöße gegen die Regeln in ihrem sozialen Umfeld wahr. Umgekehrt führte eine häufigere Nutzung von Medien gegen Ende des Lockdowns dazu, dass die Befragten eher regelkonformes Verhalten in ihrem Umfeld wahrnahmen. Bezüglich des Einflusses der Kommunikation von Expert*innen lässt sich vermuten, dass zu Beginn der Pandemie die Apelle der Expert*innen besonders deutlich waren und mit Nachdruck auf die Notwendigkeit einer strengen Einhaltung der Regelungen verwiesen haben. Diese sehr hohen Anforderung übertrugen die Befragten möglicherweise auf ihr soziales Umfeld und interpretierten Verhalten schnell als Regelverstoß. Der Einfluss der Medien lässt mehrere Interpretationen zu: Es könnte sein, dass die Medien tatsächlich ein regelkonformes Bild der Bevölkerung zeichneten und dieses Bild bei besonders häufiger Nutzung auf das soziale Umfeld übertragen wurde. Gleichzeitig ist aber auch möglich, dass die Medien im Zeitverlauf immer häufiger von Verstößen berichteten und Individuen im Sinne der Third-Person-Effekts (Davison, 1993) eher vermuteten, dass ich andere nicht an die Regeln halten, sie selbst und ihr soziales Umfeld aber ganz anders handeln und sich an die Regeln halten und diese auch akzeptieren. Um die Vermutungen zur Kommunikation von Expert*innen und Medien zu prüfen und den Einfluss genauer zu untersuchen, müssten die Kommunikationsinhalte im Verlauf des Lockdowns inhaltsanalytisch betrachtet werden.

Insgesamt ergibt sich beim Vergleich der Einflüsse von öffentlicher (Medien und Expert*innen) und privater Kommunikation (soziales Umfeld) auf die wahrgenommenen Normen zum Social-Distancing-Verhalten ein interessantes Bild: Während im direkten Kontakt mit Freunden und Familie eine gewisse Akzeptanz für und Prävalenz von Verstößen sichtbar ist, scheint die öffentliche Kommunikation die Wahrnehmung eines regelkonformen Bilds zu fördern. Insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass die öffentliche Kommunikation wohl eine positive Rolle bei der Vermittlung der Maßnahmen zur Kontaktreduzierung an die Bevölkerung gespielt hat. Personen, die mehr öffentliche Kommunikation genutzt haben als andere, nahmen ein eher regelkonformes Verhalten und eine hohe Akzeptanz im sozialen Umfeld wahr. Greifen wir den anfangs beschriebenen Einfluss von sozialen Normen auf das Verhalten auf, so könnte der Einfluss der öffentlichen Kommunikation auf die Social-Distancing-Normen dazu führen, dass sich Menschen auch stärker an die Social-Distancing-Maßnahmen halten und diese akzeptieren.

Der hier untersuchte Zeitraum von einigen Wochen zu Beginn der Pandemie erlaubt indes keine Folgerungen für den Umgang der Menschen mit den längerfristig geltenden Verhaltensnormen. Wie sich die Wahrnehmung der Prävalenz von und Akzeptanz für Regelverstöße nach einem Jahr der Pandemie weiterentwickelt hat, müsste mit zusätzlichen Daten untersucht werden; die hier geschilderten Ergebnisse zeigen lediglich die Frühphase, in der neue Verhaltensnormen etabliert wurden. So ist es denkbar, dass in der Frühphase die Bereitschaft, die neuen Normen einzuhalten, höher ausgeprägt war, weil die Unsicherheit bezüglich der Bedrohungslage durch das noch unbekannte Virus erheblich war und die Hoffnung bestand, dass die neuen Normen nur für einen begrenzten Zeitraum bestehen bleiben würden. So bietet sich eine Anschluss-Studie mit vergleichbarer Methodik an, um die Langzeit-Dynamik aus sozialen Normen und ihrer Wahrnehmung in der Bevölkerung abzubilden. Bereits die vorhandenen Daten legen jedoch die Vermutung nahe, dass mit länger andauernden Einschränkungen und Distancing-Normen deren erlebte soziale Verbindlichkeit abnimmt und Menschen eher persönliche Umgehungstatbestände und „flexible Lösungen“ suchen beziehungsweise bei anderen akzeptieren. Daraus ergeben sich wichtige Folgerungen für die Kommunikationsarbeit im Rahmen der Krisenbewältigung (vgl. dazu die anderen Beiträge der Reihe „Corona und die Wissenschaft“ auf der Website des IJK).

Literatur

Davison, W. P. (1983). The third-person effect in communication. Public opinion quarterly, 47(1), 1-15.

Geber, S., & Hefner, D. (2019). Social norms as communicative phenomena: A communication perspective on the theory of normative social behavior. Studies in Communication and Media, 8(1), 6-28.

Real, K., & Rimal, R. N. (2007). Friends talk to friends about drinking: Exploring the role of peer communication in the theory of normative social behavior. Health Communication, 22, 169–180. doi.org/10.1080/10410230701454254

Rimal, R. N., & Lapinski, M. K. (2015). A re-explication of social norms, ten years later. Communication Theory, 25, 393–409. doi.org/10.1111/comt.12080

Rimal, R. N., & Real, K. (2005). How behaviors are influenced by perceived norms: A test of the theory of normative social behavior. Communication research, 32(3), 389-414.

Zuletzt bearbeitet: 15.02.2021

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