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Freitag, 15.01.2021 18:11 - Alter: 52 Tage

Corona und die Wissenschaft: Die Mühen der Ebene. Motivierende Kommunikation im langen Corona-Winter

Die Mühen der Ebene: motivierende Kommunikation im langen Corona-Winter

Christoph Klimmt

Mit der neuerlichen Verschärfung der Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens reagieren Bundes- und Landesregierungen auf die Grenzerreichung intensivmedizinischer Kapazitäten durch Corona-Patientinnen und -Patienten. Sie verkünden diese Einschränkungen gegenüber einer Bevölkerung, die seit nunmehr einem Jahr viele liebgewonnene, gewohnte und als wichtig empfundene Aktivitäten, Begegnungen und Erfahrungen ausgelassen hat. Für verschiedene gesellschaftliche Gruppen zeichnen Expertinnen und Experten drastische Szenarien der Langzeit-Deprivation auf, etwa für Schulkinder, Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen oder auch das Krankenhauspersonal. Je länger die Pandemie dauert, je mehr Entbehrungen schon hinter den Bürgerinnen und Bürgern liegen, desto mehr Bedeutung erhält die kommunikative Rahmung fortgesetzter oder gar verschärfter Einschränkungen. Dazu haben wir bereits im vergangenen Jahr an dieser Stelle informiert (Klimmt, Baumann & Rosset, 2020).

Die Kommunikationswissenschaft kann über diese Gedanken hinaus dazu beitragen, Strategien für die motivierende Ansprache der Bevölkerung zu entwerfen, die die Befindlichkeit der Bürgerinnen und Bürger inmitten des langen Corona-Winters gezielt aufgreift. Es ist offensichtlich, dass die typischen Botschaften der Regierungen im Sinne von „die Bürgerinnen und Bürger sind zu unvernünftig, wir müssen strengere Regeln durchsetzen“ wenig Gegenliebe bei ihrem Publikum finden. Denn jenes Publikum darf vollkommen zu Recht für sich beanspruchen, ganz überwiegend in umsichtiger und verantwortungsbewusster Weise im Alltag zur Pandemieeindämmung beizutragen, und das seit sehr langer Zeit. Wie könnte also ein besser maßgeschneiderter Kommunikationsansatz aussehen?

Das Differential Susceptibility to Media Effects Model von Valkenburg und Peter (2013) hilft hier bei der kommunikationswissenschaftlichen Systematisierung. Unterschiede zwischen Personen moderieren nach diesem Modell die Ausprägung sämtlicher wichtiger Phasen der Medienrezeption und -wirkung, nämlich die Auswahl von Botschaften, deren Verarbeitung, Bewertung und (persuasive) Konsequenzen. Verschiedene andere Theorien des Fachs beziehen sich auf den Begriff der Resonanz (so etwa Vorderer, in Druck, in Anlehnung an Rosa, 2016, oder Shrum & Bischak, 2001, mit Bezug zur Kultivationstheorie). Trotz ansonsten sehr unterschiedlicher Annahmen gleichen sich diese Ansätze darin, dass sie die Bedeutung jener Erfahrungen und Wissensbestände betonen, die unterschiedliche Menschen an eine (Medien-)Botschaft herantragen. Gewendet auf den vorliegenden Fall lässt sich aus solchen Ansätzen ableiten, dass die nüchtern-technische Begründung anhaltender und verschärfter Einschränkungen mit „hohen Fallzahlen“ und mangelhafter Zielerreichung mit Blick auf Inzidenzwerte allenfalls bei mit den Statistiken vertrauten Expertinnen und Experten auf Resonanz stößt. Das gilt hingegen nicht für viele Menschen, deren Erfahrungshintergrund von bereits umfangreich mitgetragenen Einschränkungen, den Sorgen um Kinder, ältere verwandte Menschen oder auch die eigene wirtschaftliche Situation geprägt sind. Vielen Bürgerinnen und Bürgern erscheinen die Bedrohlichkeit und Tödlichkeit des Virus relativ abstrakt, die Auswirkungen der Einschränkungen und Schutzmaßnahmen dagegen sehr konkret und aversiv. Ihnen vor diesem Erfahrungshintergrund zu vermitteln, dass die bisherigen Anstrengungen zur (abstrakten) Zielerreichung nicht genügen, steht somit für das Publikum im Widerspruch zur Eigenerfahrung und wird gerade keine Resonanz auslösen, sondern eher Reaktanz.

Deswegen wären politische Kommunikatoren, aber auch journalistische Kommentatoren gut beraten, sehr viel stärker und in wertschätzender Form auf die Erfahrungshintergründe der Bürgerinnen und Bürger einzugehen: Warme Worte für junge Eltern, die sich alle Mühe geben, ihren Kindern nicht nur Zuwendung und Bildung angedeihen zu lassen, sondern ihnen trotz der vielen Einschränkungen vielfältige positive Erfahrungen ermöglichen wollen. Respekt für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die jahrelang eingefahrene Routinen mit teils erheblichen Mühen ändern, um dem Infektionsschutz genüge zu tun. Anerkennung für die Menschen in sozialen und Gesundheitsberufen, die trotz Infektionsrisiken täglich nah an Pflegebedürftigen, Patientinnen und Klienten arbeiten. Lob für die Lehrkräfte und andere Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die mit oftmals bescheidenen Ressourcen versuchen, durch Ideen und zusätzliches Engagement den Betrieb in Corona-Zeiten aufrechtzuerhalten. Solche Wertschätzungskommunikation gehört zu jeder guten Führungsarbeit, im kleinen Team wie im großen Maßstab. Sie holt das Publikum bei der Perspektive ab, mit der es auf die Pandemie und ihren bisherigen Verlauf blickt. Sie betont zugleich, dass die Menschen mit ihrer bisherigen Mitwirkung erhebliche positive Wirkungen herbeigeführt haben; diese Vermittlung von Wirksamkeit kann Menschen enorm motivieren, weil sie sich in ihren Bemühungen gesehen fühlen und den Nutzen ihrer Anstrengungen erahnen können. Auf der Basis solcher an die Eigenerfahrungen anknüpfender Wertschätzung kann die Verkündung fortbestehender Härten als motivierend-positive Botschaft gelingen, nämlich als Aufruf, den bisher erreichten Erfolgen weitere hinzuzufügen. Ausgedrückt mit einer Metapher des Bergwanderns: Müde Mitwanderer motiviert man eher, indem man auf den bereits geschafften Teil des Aufstiegs verweist – und nicht einfach damit, dass man ihnen verkündet, der restliche Weg zum Gipfel werde noch schlimmer als die bisherige Wanderung. Durch Resonanzerfahrungen den Bürgerinnen und Bürgern Wirksamkeit zu vermitteln und positive Motivationsanreize zu setzen, erweist sich damit als wichtige kommunikationsstrategische Wahl (Klimmt, 2016). Reines Mahnen und Alarmismus werden sich bei einer lang andauernden Krise dagegen abnutzen und zudem weniger Erfahrungen persönlicher Betroffenheit und Einbeziehung auslösen. Regionale und lokale Akteure sind gut beraten, in diesem Sinne sehr viel Wertschätzung in ihren Bezugsradien zu verbreiten – Preisverleihungen und Auszeichnungen für Menschen und Teams, die sich engagieren, sind ein Beispiel dafür, wie sich allgemeine Wertschätzungskommunikation auf örtliche Communities herunterbrechen lässt.

Wirksamkeitserfahrungen sind noch an anderer Stelle von strategischer Bedeutung. Die bisherige Generalstrategie gegen die Pandemie besteht im Wesentlichen aus Social Distancing, Abfedern der damit verbundenen (wirtschaftlichen) Kosten und Zeitgewinn bis zur Durchimpfung. Diese Vorgehensweise und ihre Kommunikation bringen die Bevölkerung aber unter Stress, denn a) müssen Bürgerinnen und Bürger mit der Ungewissheit leben, wie lange die Einschränkungen noch bestehen werden, b) haben Bürgerinnen und Bürger das Gefühl, dass sie „nur abwarten“ können und außer Maskentragen und Abstandhalten „nichts gegen das Virus getan werden“ könne. Zudem müssen sich c) Bürgerinnen und Bürger vollkommen abhängig von den Fortschritten und dem Arbeitstempo der Impfstoffhersteller fühlen. Diesen kombinierten Stressfaktoren kann und sollte Politik nicht nur mehr wertschätzende Kommunikation entgegensetzen, sondern auch Investitionen tätigen, an denen die Bevölkerung ersehen kann, dass „etwas getan“ wird, dass Aufbauarbeit zur Resilienz gegen die Pandemie geschieht und (in kleinen Schritten) Raum geschaffen wird, Einschränkungen zu reduzieren. Konkret bezieht sich das auf die Beschaffung von Luftreinigungssystemen, wie sie in Krankenhäusern und Laboren üblich sind, sowie auf Schnelltest-Infrastrukturen, mit denen der Zugang für nachweislich nicht infizierte Personen zu Begegnungsräumen wieder möglich wird. Geeignete Technologien zu fördern, im großen Maßstab anzuschaffen und in Betrieb zu nehmen kostet sehr viel Geld. Die praktischen und vor allem psychischen Effekte solcher Programme auf die Mitwirkungsbereitschaft der Bevölkerung dürften diese Investitionen gleichwohl mehr als rechtfertigen. Wenn zum Beispiel nach und nach Besuchsräume in Seniorenheimen oder auch Bildungsräume dank HEPA-Luftfiltern sicherer werden, so dass in Heimen betreute Menschen und ihre Angehörigen wieder in Ruhe miteinander sprechen können und Lehrkräfte, Schülerinnen und Studenten beruhigt wieder gemeinsam arbeiten können, ginge davon ein starkes Signal der Wirksamkeit aus: Wir können etwas tun, und es passiert etwas. Auch aus solchen kollektiven Wirksamkeitserfahrungen kann Langzeit-Motivation entstehen, weiterhin seinen Beitrag zum Infektionsschutz zu leisten.

Literatur

Klimmt, C. (2016). Self-Efficacy: Mediated Experiences and Expectations of Making a Difference. In L. Reinecke & M. B. Oliver (Hrsg.), The Routledge Handbook of Media Use and Well-Being (S. 157-169). New York: Routledge.

Klimmt, C., Baumann, E. & Rosset, M. (2020). Framing gegen die Pandemie-Müdigkeit: Empfehlungen aus der strategischen Gesundheitskommunikation. Online

Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.

Shrum, L. J., & Bischak, D. (2001). Mainstreaming, resonance, and impersonal impact. Human Communication Research, 27(2), 187-215.

Valkenburg, P. M., & Peter, J. (2013). The differential susceptibility to media effects model. Journal of Communication, 63(2), 221-243.

Vorderer, P. (in Druck). Entertainment and resonance. In P. Vorderer & C. Klimmt (Hrsg.), The Oxford Handbook of entertainment theory. New York: Oxford University Press.

Zuletzt bearbeitet: 15.02.2021

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