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Freitag, 26.03.2021 18:56 - Alter: 45 Tage

"Corona und die Wissenschaft"

Kommunikative Sicherung der Bevölkerungsmitwirkung in der Langzeitkrise: „Anger Management“ als neue Herausforderung

Prof. Dr. Christoph Klimmt

In die öffentliche Debatte über Corona mischen sich mit fortschreitender Dauer der Krise zunehmend Ärgeremotionen. Dominierten bislang Trauer um die Opfer und Sorge vor den Kosten der Pandemie, mehren sich in den vergangenen Wochen die Stimmen, die sich über vermeintlich vermeidbare Fehler im Katastrophenmanagement empören. Von Staatsversagen, Impfdesaster, Rücktrittsforderungen ist die Rede. Selbstbereicherung von Parlamentariern ist stets ein Übel, aber die Verbindung der jüngsten Fälle im Deutschen Bundestag zur Corona-Pandemie hat zweifelsohne zu besonders starken Ärger-Emotionen geführt.

Ärgeremotionen sind verständlich, aber sie sind für die gesellschaftliche Bewältigung der langfristig wirkenden Naturkatastrophe, die Covid-19 darstellt, toxisch. Die Emotion Ärger aktiviert den Menschen; irgendwo muss die Gefühlsenergie hin. In den Niederlanden, in Frankreich, in Stuttgart haben zweifelsohne Ärger-Emotionen maßgeblich zu den Ausschreitungen beigetragen, teils eindeutig im Zusammenhang mit Corona-Frust. Ärger auf politische Akteure wegen deren vermeintlicher Versäumnisse ist jedoch vor allem ein Problem, weil er das Vertrauen in eben jene Akteure reduziert und die Kooperationsbereitschaft senkt. Den Ministerpräsidenten, die angeblich „versagen“ (wobei genau auch immer), soll der verärgerte Bürger noch zuhören? Deren (angeblich inkompetenten) Anweisungen umsichtig und geduldig folgen? Auf Kooperation werden sich ärgernde Bürger ihre affektive Energie typischerweise nicht ausrichten. Ohne Vertrauen und die Mitwirkungsbereitschaft der großen Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger kann jedoch die Bewältigung der Pandemie nicht gelingen.

Woher kommt also der Ärger, und wie lässt er sich beschwichtigen?

Als soziale Emotion ist Ärger typischerweise eine Reaktion auf das beobachtete Verhalten anderer Personen, das als Normverletzung oder, darüberhinausgehend, als Angriff bewertet wird. Im Kontext der zurückliegenden Monate der Corona-Pandemie dürfte der (öffentlich artikulierte, aber vielfach auch in privaten Konversationen geäußerte) Ärger vor alle mit enttäuschten Erwartungen zu tun haben. Gemeint sind Erwartungen an den Verlauf der nahen Zukunft in Bezug zu den von Politik und Medien in den Mittelpunkt gestellten Strategiesäulen „Schließungen“ und „Impfungen“. Die Erwartungen (im Sinne von Hoffnungen, aber auch Forderungen an die Politik) bezüglich der „Schließungen“ lagen und liegen eindeutig in der Rücknahme der geltenden Grundrechtseinschränkungen. Für einige Bevölkerungsteile geht es um die wirtschaftliche Existenz, für viele weiterhin arbeitende Bürgerinnen und Bürger um die Freizeit- und Belohnungssysteme, die sie zur Aufrechterhaltung ihres Wohlbefindens dringend benötigen. Diese Erwartungen sind bei der lange anhaltenden Katastrophe besonders anfällig für Enttäuschungen, denn sie verstärken sich mit fortschreitender Zeit gewissermaßen von selbst. Je länger die (wirtschaftlichen, rekreativen, emotionalen etc.) Entbehrungen andauern, desto stärker werden die Bedürfnisse, die aversiven Einschränkungen loszuwerden. Dass Politik außer Stande ist, verbindliche Zeitpläne und Zusagen zu machen, mildert die sich aufstauende Erwartung nicht; sie verschlimmert sie indes auch nicht unbedingt, denn dieser Fall wäre eher anzunehmen, wenn Politik geäußerte Zusagen nicht einhielte oder kurzfristig wieder zurücknähme.

Bezüglich der Strategiesäule „Impfungen“ rührt der Ärger wohl vor allem aus Beobachtungen angeblich vermeidbarer Fehler seitens der politischen Akteure. Insbesondere durch mediale Kritik an den Mächtigen wird der Eindruck befeuert, dass die Impfkampagne hierzulande suboptimal oder auch katastrophal langsam verlaufe. Die enttäuschte Erwartung besteht hier darin, dass die Massenimpfung – die immer wieder als weitreichende Lösung des Corona-Problems präsentiert wurde – im Vergleich zu von irgendwoher geholten Maßstäben (z. B. Israel) zu langsam verlaufe. Das Ausland sei angeblich so viel schneller, und allerorten wird der „Mangel an Impfstoff“ beklagt. Hier entstehen Ärgeremotionen, weil angebliche Minderleistungen von Politik und Verwaltung beobachtet werden, die konsequenzenreich zu sein scheinen – wegen deren „Versagen“ müssen wir Bürger länger auf unser normales Leben warten. Die Entwicklung beider zentralen Strategiesäulen bietet also mit fortschreitender Zeit wachsendes Potenzial für Bürgerwut und Ärgeremotionen, und zwar unabhängig davon, ob der Politik sachlich begründete Vorwürfe zu machen sind oder nicht. Nicht hilfreich sind jedoch gewiss die von Politik selbst und den Medien geschürten unrealistischen Erwartungen, insbesondere mit Blick auf die verfügbaren Impfdosen und das Impftempo; negative Einzelfall-Berichte über angebliche Probleme mit einem der zugelassenen Impfstoffe (dem von AstraZeneca) dürften als journalistische Fehlleistung mit erheblichem Effekt auf die Impflangsamkeit in die Geschichte dieser Krise eingehen.

Was also tun mit dem wachsenden Ärger? Ist die Emotion erst einmal ausgebrochen, ist es häufig mit sachlicher Beschwichtigung nicht getan: die enttäuschte Erwartung im Nachhinein als unrealistisch darzustellen, beruhigt den Wutbürger genauso wenig wie ein Kleinkind, dem man das verweigerte Eis damit erklärt, dass es von einer zu großen Menge von kauf- und verzehrbaren Gelato ausgegangen war.

Strategisch ist zu empfehlen, sowohl bei den Ursachen des Ärgers als auch bei seinen Folgen anzusetzen. Die Ursachen des Ärgers lassen sich im sachlichen Sinne nicht einfach aus der Welt schaffen. Mit Blick auf die wachsende Ungeduld bei der Säule „Schließungen“ ist die kürzlich von den Bundes- und Landesregierungen gewählte Strategie selektiver Öffnungsschritte nicht geeignet, den Ärger zu dämpfen. Zum einen stehen die inhaltlichen Begründungen für die Öffnungsschritte im Widerspruch zu vormals getroffenen Aussagen der bindenden Wirkung bestimmter Inzidenzwerte (die nun nicht angeblich nicht mehr diese strikte Bedeutung besitzen). Zum anderen erzeugt die mit selektiven Öffnungsschritten verbundene Ungleichbehandlung von Gesellschaftsbereichen, Branchen, Freizeitaktivitäten usw. neuen Ärger. Beschwichtigende Effekte würden sich hier vielmehr dadurch ergeben, dass man versucht, die Auslöser des Ärgers anzuzielen. Im Falle des stationären Einzelhandels besteht die Quelle des Ärgers in der fortgesetzten Vorzugsbehandlung des Online-Versandhandels, der keinerlei Einschränkungen unterworfen ist. Eine Sondersteuer auf Online-Bestellungen (und eine ohnehin sinnvolle Öko-Steuer auf Rücksendungen von Versandbestellungen) wäre eine solche (mindestens symbolische) Maßnahme, um an einer realen Quelle von sich über Zeit kumulierendem Ärger anzusetzen. Investitionen in Forschung (etwa realitätsnahe und medienwirksam visualisierte Experimente zur Virus-Verbreitung in typischen Szenarien wie Supermarkt, Fußballplatz, Eisdiele) und Technik (Luftfiltersysteme und UV-Licht-Lampen zur Absicherung von Klassenräumen, Büros etc.) würden ebenfalls den Ärger dämpfen helfen, weil damit Fortschritte vermeldbar werden und eine inkrementelle Verbesserung der Gesamtlage aufscheinen würde, etwa für Lehrkräfte, Schülerinnen und Eltern. Den über Zeit erstarkenden Quellen des Ärgers sollten Politik und Medien also vor allem mit positiven Botschaften entgegentreten, gerade auch solchen, die tatsächliche und gravierende Ungleichbehandlungen von Akteursgruppen betreffen. Das Bemühen um Fairness und Gleichbehandlung kann genau wie die Investition in hilfreiche Technologien dazu beitragen, die Gemüter zu beruhigen.

Mit Blick auf die Folgen von Ärgeremotionen – nämlich die von ihnen aktivierte Verhaltensenergie, die irgendwo hin abgeleitet werden muss, geraten die schon öfters im IJK-Blog erwähnten Selbstwirksamkeitsbotschaften in den Fokus. Es mag ein wenig abwegig klingen, aber da physische Bewegung am direktesten auf Ärgeremotionen wirkt, weil sie die Verhaltensenergie abbaut, wären Kampagnen, die zu Sport, Wandern und Spazieren aufrufen, eine hilfreiche Strategie. Es wäre sogar bedenkenswert, die Öffnungsstrategie viel stärker auf Gelegenheiten (und Notwendigkeiten) zur körperlichen Bewegung auszurichten. Natürlich werden solche Maßnahmen kaum geeignet sein, den Großteil des Ärgers in der Bevölkerung abzubauen. Aber für das Coping mit der Gesamtsituation ist Bewegung ohnehin hilfreich, und es wäre eine Kommunikationsstrategie, die zumindest nicht noch Öl ins Feuer gießt – genau das tun viele politische und mediale Akteure, indem sie sich über ‚besonders Schuldige‘ empören, beispielsweise einzelne Verantwortungsträger, Nationalstaaten, Impfstoffhersteller. Der Diskurs über das Corona-Management erhält dadurch Züge eines „blame game“, und das wiederum ist ein Motor für neuen Ärger, Politikverdrossenheit und politische Entfremdung.

Ein Blick auf die Meta-Ebene der Corona-Kommunikation hilft ebenfalls weiter im ‚öffentlichen anger management‘. In welcher Rolle wollen die politischen Entscheidungsträger der Bevölkerung entgegentreten? Der Dauereinsatz exekutiver Sonderbefugnisse auf der Basis der Infektionsschutzgesetze führt dazu, dass sich die Riege der Bundes- und Landesregierungschefs kommunikativ abgrenzt von der Bevölkerung – ein kleiner Zirkel entscheidet, der große Rest trägt die Konsequenzen. Diese kommunikative Trennung von Entscheidern und Bevölkerung ist unglücklich, weil sie stets die Saat neuen Ärgers in sich trägt. Sie provoziert zudem besonders energische Medienkritik an jeglicher Entscheidung – unabhängig von ihrer inhaltlichen Güte. Eine aktive Einbindung von Bundes- und Landesparlamenten in die Entscheidungsfindungen würde dagegen den Geist der gemeinsamen Bewältigung der Katastrophe hervortreten lassen. Aus kollektivem Handeln – beziehungsweise aus als kollektiv erlebtem Handeln – würden weniger Ärgeremotionen entstehen, denn auf die Leute im eigenen Team, in der eigenen In-Group entwickeln wir mit geringerer Wahrscheinlichkeit große Wut.

Schließlich ist in der Vorausschau auf das restliche Jahr 2021 Politik und Medien dringend zu empfehlen, den Erwartungsdruck auf den Nutzen der laufenden Impfkampagne zu senken. Im Bemühen, den Ärger und die Ungeduld der Bevölkerung zu beschwichtigen, neigen manche Verantwortungsträger dazu, weitreichende Zusagen für die Zeit zu geben, in denen die Impfung der Bevölkerung weit vorangekommen sein wird. Die Faktenlage, auf die sich solche Prognosen stützen, ist jedoch beileibe nicht gut gesichert. Sollte sich erweisen, dass auch nach weitgehender Durchimpfung der Bevölkerung noch keine weitgehende Rücknahme der Grundrechtseinschränkungen erfolgen kann (beispielsweise wegen neuer Virusmutationen), droht eine neue Welle verstärkten öffentlichen Ärgers, denn dann wäre die Erwartungsenttäuschung riesig, und die Wut würde sich auf die politischen Akteure richten, die durch die Fixierung auf die Impfstrategie die Erwartungshöhe erzeugt hatten. Aus dieser Perspektive wäre es eine bedenkenswerte Alternative, die Menschen auf ein „Jo-Jo“-Jahr vorzubereiten, in dem Öffnungen und Schließungen einander abwechseln können und werden. Denn zumindest für eine Weile mehr Freiheiten zurückzuerlangen dürfte für das kollektive „Anger Management“ günstiger sein als eine große Erwartungsenttäuschung in einigen Monaten – selbst wenn die Freiheiten alle paar Wochen wieder eingeschränkt werden müssten.

Zuletzt bearbeitet: 15.02.2021

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