Meldungen

 

Montag, 15.11.2021 18:00 - Alter: 15 Tage

Corona und die Wissenschaft: Erklärungen für Impfskepsis ruinieren die Hoffnung, Impfskeptiker „noch zu überzeugen“ – was also tun?

von Prof. Dr. Christoph Klimmt

In der aktuellen Pandemiephase hängt unser aller Wohl und Wehe davon ab, die Impfquote zu erhöhen. Allen voran müssen wir schleunigst Kindern den Impfschutz ermöglichen. Die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit gilt dagegen seit geraumer Zeit denjenigen Erwachsenen, die sich bislang nicht haben impfen lassen. Sie stellen eine Minderheit dar, aber angesichts einer hoch ansteckenden Viruserkrankung kommt diesen Menschen eine erhebliche indirekte Bedeutung für den Schutz der Gesamtgesellschaft und das Verhindern weiteren Sterbens zu.

Mit einer Mischung aus Empörungsbewirtschaftung und dem Versuch, sie zu verstehen haben viele Journalist:innen über Impfskeptiker berichtet. Ihre Beobachtungen sind ernüchternd; ihre Beschreibungen laufen darauf hinaus, dass Skeptiker den Impfstoffen nicht vertrauen, ihre Freiheit gegen vermeintliche Zwangsausübung verteidigen wollen oder gleich eine contrafaktische Vorstellung von Risiken und Nutzen des Impfens verinnerlicht haben. Aus dem empörten Teil der Berichterstattung ist erheblicher öffentlicher Gegenwind entstanden, den Impfskeptiker aushalten müssen. Politische Entscheidungsträger mühen sich gleichwohl und mit beachtlicher Ausdauer, weiterhin kommunikative Überzeugungsarbeit zu leisten und das Narrativ aufrechtzuerhalten, Impfskeptiker seien verständige Leute, die nur noch bessere Informationen benötigen. Sie wählen diese Positionierung auch, um den Vorwürfen aus Kreisen der Skeptiker in Richtung „Druck“, „Zwang“ und so weiter keine neue Nahrung zu geben.

Empirische Studien zur Impfskepsis gibt es nicht erst seit Corona. Sie haben wiederkehrende Muster von Ein- und Vorstellungen ermittelt, die in Fragebogenstudien stark mit Impfskepsis und -verweigerung korrelieren. Schmid et al. (2017) resümmieren die thematische Forschung zur Influenza-Impfskepsis dahingehend, dass Mangel an Vertrauen in Impfungen, Geringschätzung des eigenen Risikos und Bequemlichkeit typische und wichtige Treiber der Impfskepsis seien. Sie bilden damit „proximale“ Erklärungen ab, also Personeneigenschaften, die konzeptionell relativ spezifisch für die Impfthematik sind (z. B. Einstellungen zu Impfstoffen). Eine theoretische Alternative sind Modelle, die allgemeinere Personeneigenschaften betrachten, etwa das „Big 5“-Persönlichkeitsinventar, um von dort aus impfskeptische Menschen systematisch einzuordnen (z. B. Halstead et al., 2021: ). Auch mit der „Moral Foundations Theory“ nach Haidt, die aus der Evolutionspsychologie heraus das Wertegerüst von Menschen dimensionalisiert, wurde mit Blick auf Covid-Verhalten gearbeitet (z. B. Bereitschaft zum Social Distancing; Chan, 2021, vgl. auch den Bericht von Bruns und Scheper in der IJK-Reihe „Corona und die Wissenschaft“).

Mit Blick auf die angewandte Frage von Kommunikations- und Überzeugungsstrategien, die Impfskepsis überwinden helfen können, bieten beide Ansätze – die „proximale“ und die „allgemeine“ Perspektive – nur bedingt Anlass zur Hoffnung. Fundamentale Werte (moral foundations) lassen sich kaum beeinflussen; proximale Einstellungen wie „geringes Vertrauen in Impfstoffe“ prinzipiell schon eher. Aber wir müssen feststellen, dass die Menschen, die sich bis heute einer Impfung gegen Covid verweigern, Zugang zur gleichen Menge und Qualität von Wissen zur Materien gehabt haben wie wir anderen, die wir längst geimpft sind. An mangelnder Kommunikation hat es aus dieser Perspektive nicht gelegen, und das bedeutet, dass die Aussichten, mit „mehr“ oder „besserer“ Kommunikation jetzt noch Menschen zu überzeugen, gegen Null gehen.

Vor diesem Hintergrund sollten wir überlegen, welchen Nutzen Impfskeptiker von ihrem Verhalten haben. Denn einen solchen (subjektiven) Nutzen, eine psychosoziale Funktion, muss Impfskepsis haben, wenn sie so aktiv und dauerhaft gegen freundliche und dringliche – mithin rationale – Empfehlungen, sich impfen zu lassen, aufrechterhalten und zum Teil (öffentlich) zelebriert wird. Welche Motive könnten Menschen also leiten, ihren Selbstschutz derart zu vernachlässigen und ihre Verantwortung für ihre Mitmenschen auf so drastische Art und Weise zu verweigern?

Eine Hypothese lautet, dass es Impfskeptikern um die positive Erfahrung der Selbstaufwertung geht. Indem sie sich wieder und wieder (sich selbst oder zusätzlich auch anderen gegenüber) mit ihren „Gründen“ gegen das Impfen positionieren, befördern sie ihre Selbstwahrnehmung als überlegen und bedeutsam. Sie erleben das etwa in Form von Kompetenz („ich weiß es besser als die anderen“, etwa jüngst Fußballer Kimmich), Unverwundbarkeit („hab ein gutes Immunsystem, brauch keine Impfung), Selbstbestimmtheit („entscheide alleine“), Mut („widerstehe dem Druck von allen Seiten“), Einzigartigkeit („bin der einzige, der die Wahrheit sieht“) oder auch Macht. Letztere ist besonders interessant, weil alle Impfskeptiker ja wissen, dass ihre Verweigerung ihnen eine wichtige soziale Bedeutung in einem von Infektionsrisiken bedrohten Netzwerk von Menschen (ihr eigenes Umfeld, aber auch die Gesellschaft insgesamt) verschafft. Ständig mit der eigenen Haltung öffentlich thematisiert, mit Aufmerksamkeit geradezu überschüttet zu werden, kann ein Gefühl von Einfluss, Bedeutung und eben Macht nach sich ziehen. Auch die Selbstwahrnehmung als Opfer von öffentlicher Verfolgung gehört zu den möglichen Manifestationen von Selbstaufwertung; sie wird deutlich im Lamentieren, man werde unter Druck gesetzt (wie sich etwa Hubert Aiwanger eingelassen hat) – wenn alle gegen mich sind, muss ich wohl etwas Besonderes sein.

Solche aus asozialem Verhalten erwachsende Formen der Selbstaufwertung sind natürlich nicht für alle Menschen gleichermaßen attraktiv; viele würden die Gewinnung von Selbstwert aus solchen Erfahrungen – die ja auf Einbildung, Illusion, verzerrter Selbst- und Weltwahrnehmung beruhen – als hochgradig dysfunktional einschätzen. Aber für Personen mit bestimmten motivationalen Strukturen – hohem Egozentrismus, Narzissmus, Psychopathie etwa – sind diese Formen positiver Selbsterfahrungen real und erstrebenswert. Anekdoten von auf der Intensivstation geläuterten Impfskeptikern belegen denn auch, dass im Angesicht des Beinahe-Todes die Überlegenheitsillusion, die zuvor eben der Selbsterhöhung diente, zusammenbricht. Aber eben auch erst dann. Gutes Zureden und die ganze Maschinerie der Wissenschafts- und Gesundheitskommunikation hatten das vorher nicht geschafft.

Was also tun? Wie können wir mit wissenschaftlich fundierten Kommunikationsstrategien die Impfskeptiker erreichen, zum Umdenken bewegen? Mit Sachargumenten und gut gemeinten Empfehlungen, sich doch noch impfen zu lassen wohl nicht. Damit wiederholen wir nur die Episoden, in denen Skeptiker sich einen Selbstwertboost holen, indem sie sich als kompetenter, autonom, unverwundbar, mächtig und/oder unschuldiges Opfer erleben. Huynh und Senger (2021) haben jüngst empfohlen, die intellektuelle Demut (humility) als Hebel zu nutzen, denn sie finden einen starken Zusammenhang zwischen (hoher) Demut – also der Einsicht in die eigene Fehlbarkeit bezüglich intellektueller Urteile – und (geringer) Impfskepiss. Sie halten intellektuelle Demut für eine formbare („malleable“) Eigenschaft – beeinflusst man sie, könne man damit indirekt auf die Impfbereitschaft einwirken. Hier ist wohl Pessimismus angebracht; wenn die Idee von der Selbstaufwertung zutrifft, sind Impfskeptiker ja gerade von einer stabilen (non-malleable) Nicht-Demut geprägt.

Naheliegend wäre sicherlich eine Erschütterung der selbstaufwertenden (verzerrten) Wahrnehmungen, Erwartungen und Erlebnisse, gewissermaßen Simulationen der Nahtoderfahrung, die bei manchen auf der Intensivstation geretteten Impfskeptikern eine Veränderung bewirkt haben. Das liefe auf Schockbotschaften hinaus – anschauliche Bilder von Intensivpatienten und Corona-Toten. Ob man damit angesichts der ja schon längst chronifizierten Wahrnehmungsverzerrungen von Impfskeptikern wirklich noch Irritation auslösen kann, wäre empirisch zu prüfen. Von den Schockbotschaften auf Zigarettenschachteln wissen wir indes, dass sie zumindest keine durchschlagenden Effekte haben. Und Nikotinsucht ist in ihrer Relevanz für fortgesetztes selbstschädigendes Verhalten wohl ähnlich hartnäckig wie das Bedürfnis nach narzisstischer Selbstaufwertung durch Impfskepsis.

Eine zweite naheliegende Variante wäre zu versuchen, Impfskeptikern die soziale Aufmerksamkeit zu nehmen, die sie durch ihre Verweigerung vis-a-vis einer hochansteckenden Viruskrankheit immer wieder genießen. Das liefe auf eine Strategie der Nicht-Kommunikation hinaus: Medien sollten sich mit ihren (empörten) Berichten über Impfskeptiker zurückhalten, Prominenten aus deren Kreis (Kimmich, Aiwanger & Co.) keine Beiträge widmen. Das ist natürlich schwer zu organisieren (gerade mit Blick auf Prominente), da hier Interessen und auch Berufsnormen der journalistischen Berichterstattung direkt tangiert wären. Zumindest im interpersonalen Umgang mit einzelnen Impfskeptikern könnte die Strategie aber aufgehen: nicht zuhören, keine Bühne bieten, keine Überzeugungsversuche starten, sondern allenfalls mitleidig schauen und zur Tagesordnung übergehen.

Eine dritte Überlegung wäre die Subversion: Wir könnten Impfskeptikern vermitteln, dass sie, wenn sie sich doch impfen lassen, das größtmögliche Heldenopfer erbringen (also herausragenden Mut beweisen), die kompetenteste Entscheidung treffen (die ja gerade so schwierig ist, weil sie, die Skeptiker, ja um die Risiken von Impfstoffen so viel besser Bescheid wissen als wir!), von uns allen bewundert werden, als herausragend tatkräftig bejubelt werden und überhaupt richtig viel Aufmerksamkeit erhalten. Wenn es also gelingen würde, Impfen als die ultimative Selbstwert-Boost-Erfahrung zu „framen“ (und nicht als vernünftiger Selbstschutz oder gar Akt der Solidarität), dann könnten wir den emotionalen Nutzen, den Skeptiker aus ihrer Verweigerung ziehen, vielleicht umleiten auf die Impfung. „Die merken doch sofort, dass solche Kommunikation nur Fake ist“ mag man einwenden. Das dürfte stimmen, aber für Menschen mit einem so hohen Bedürfnis nach Selbstaufwertung wird das womöglich keinen Unterschied machen, solange das Ergebnis (Selbsterhöhung) für sie passt. Denn auf Fakes und Illusionen stützen sie ja in ihrer jetzigen Skepsis ihr Verhalten und ihre Selbstwert-Pflege auch schon. Die eine Illusion durch eine andere zu ersetzen könnte insofern die dysfunktionale Selbstwahrnehmung und narzisstische Motivation zur Selbsterhöhung in den Dienst einer gesellschaftsdienlichen Verhaltensweise rücken.

Literatur

Chan, E. Y. (2021). Moral foundations underlying behavioral compliance during the COVID-19 pandemic. Personality and individual differences, https://doi.org/10.1016/j.paid.2020.110463

Huynh, H. P., & Senger, A. R. (2021). A little shot of humility: Intellectual humility predicts vaccination attitudes and intention to vaccinate against COVID‐19. Journal of Applied Social Psychology, 51(4), 449-460.

Schmid, P., Rauber, D., Betsch, C., Lidolt, G., & Denker, M. L. (2017). Barriers of influenza vaccination intention and behavior–a systematic review of influenza vaccination intention and behavior–a systematic review of influenza vaccine hesitancy, 2005–2016. PloS one, 12(1), e01705

Zuletzt bearbeitet: 15.02.2021

Zum Seitenanfang